Tubescreamer TS-808 vs TS-9
Der ultimative Vergleich – Teil I

Ibanez TubescreamerHier kommt er, der ultimative Vergleich der legendären Overdrives, dem TS808 und dem TS9. Beide Pedale sind auf tausenden Alben zu hören und jeder kennt den unverkennbaren Midboost der beiden Tubescreamer, der hier näher beschrieben wird. Doch welcher von beiden verrichtet die bessere Arbeit? Seit diesem Jahr habe ich das Glück mein Pedalboard mit beiden Pedalen zu schmücken und konnte so diesen ultimativen Vergleich starten. 

Der Vergleich besteht aus zwei Teilen mit jeweils zwei Unterabschnitten. Im ersten Teil betrachten wir zum einen die Bauart der beiden Pedale und setzen sie anschließend vor einen Transistorverstärker. Schließlich ist der Tubescreamer in den 70er Jahren äußerst gefeiert worden, die Zerre einer Röhre simulieren zu können. Im zweiten Teil geht es dann an die Röhren. Hier setzen wir die Giftzwerge zunächst vor einen cleanen Amp, bevor wir im letzten Unterabschnitt zu ihrer Paradedisziplin kommen – dem Anblasen eines Amps, der bereits am Rande zur Sättigung steht.

Bauart

Beide Pedale haben eine nahezu identische Schaltung. Zwar wurde ein anderer Operationsverstärker verbaut, jedoch ist der dadurch resultierende Effekt eher sekundär. Vielmehr sind es die unterschiedlichen Widerstandswerte der verwendeten Bauteile, die den – wenn überhaupt vorhandenen – Unterschied ausmachen. 

Beide Pedale besitzen etwa die gleichen Abmessungen, die gleichen Drehregler sowie eine Status LED an gleicher Stelle. Nichtsdestotrotz macht mich der TS808 mehr an. Das Teil hat in seinem cremigen Farbton einfach Sexappeal, während der TS9 eher klinisch steril daherkommt. Auch wenn es mir schwerfällt das zu sagen, aber der TS9 hat den Spitznamen der Tubescreamer – kleiner Giftzwerg – schon irgendwie verdient. 

Was am 808er jedoch weniger sexy ist, ist die Stromversorgung. Als Tribute an den Klassiker von damals wird auch beim Reissue auf den Miniklinkenstecker zurückgegriffen. Als kleine Änderung wurde (zum Glück) die Polung auf den aktuellen Stand gebracht, sodass der Minuspol innen liegt. Klasse finde ich, dass ein Adapter vom standardmäßigen Hohlstecker im Lieferumfang enthalten ist. Nichtsdestotrotz empfinde ich den TS9 wesentlich komfortabler, da man sich dieses Adaptergedöns einfach mal sparen kann.

Beide haben die drei bekannten Regler – (Over-)drive, Tone und Level, mit denen man den Grad der Verzerrung, den Höhenanteil und die Lautstärke einstellen kann. Beim TS9 wird jedoch der Overdrive-Regler lediglich mit Drive bezeichnet wird. Ich denke, die meisten Gitarristen werden damit klarkommen. 

Als signifikanten optischen Unterschied ist der Fußtaster festzuhalten. Dieser macht beim TS9 knapp ein drittel des Stirnseite aus, während beim TS808 nur ein kleines Feld dafür vorgesehen ist.

Tubescreamer vor einem Transistorverstärker

Diesen Test habe ich zu Hause mit meinem Roland Micro Cube Amp (Black Panel emuliert) und der Les Paul Studio durchgeführt. Und das Ergebnis kann man relativ knapp zusammenfassen: Beide Pedale führen zu einer sahnigen Zerre der Extraklasse und die Unterschiede zwischen den Tretern sind allenfalls Nuancen. 

Gestartet habe ich – wie eigentlich immer – indem ich alle Regler auf die 12 Uhr Stellung brachte. Beide Pedale lieferten direkt den (identischen) Overdrive Sound, für den wir sie lieben. Die Mitten werden weit nach vorn geblasen und die Bässe etwas limitiert. Dieser Sound ist bestens als Grundzerre geeignet, weshalb sich der Tubescreamer als “always-on-Pedals” qualifiziert. Von dieser Einstellung aus machte ich mich auf die Suche nach dem “unity gain”. Dies ist die Lautstärke, bei der das Signal zwischen eingeschaltetem und ausgeschaltetem Effekt gleichbleibend ist. Bei beiden Pedalen fand ich dies bei ungefähr 10 Uhr. Diese Lautstärkeeinstellung behielt ich bis zum Ende des Tests bei, auch wenn ich gerne alles auf 11 gestellt hätte 🙂

Wie es bei einem Gitarristen so ist, will man nun als erstes die Zerre testen und sehen, wo man es hintreiben kann. Auf der 3 Uhr Position findet man (bei beiden Pedalen) einen Badass Rock N’ Roll Sound, der seinesgleichen sucht. Mich erinnert dieser Overdrive immer ein wenig an AC/DC. Die Pedale sind also durchaus auch als Leadboost geeignet.

An dieser Position wagte ich mich nun an den Tone Regler – der bei mir im Alltag ehrlich gesagt bei weitem zu kurz kommt. Das Ergebnis hat mich zunächst tierisch überrascht. Kann es etwa sein, dass sich nun endlich Unterschiede offenbaren? Hat der TS-808 etwa mehr Höhen als der TS-9? Um genauer Lauschen zu können, schaltete ich nun aufgeregt den Looper davor. So konnte ich mich besser auf das Hören konzentrieren. Nach einigen weiteren Riffs ist mir jedoch ein großer Klops ins Auge gestochen. Ich hatte den Tone Regler beim TS-9 auf 3 Uhr und beim TS-808 voll aufgerissen. Nachdem dieser Fehler beseitigt war, lieferten beide Pedale wieder das identische Ergebnis: Bluesrock Zerre vom feinsten.

Zum Ende meines Vergleichs wollte ich noch sehen, wie die Tubescreamer das größte Merkmal der Röhrenverstärker simulieren: Können diese kleinen Treter etwa auch die Dynamik der Röhren nachahmen? Die Antwort ist “Ja, sie können!” Und das machen sie verdammt geil. Dreht man den Volume Regler der Gitarren zurück oder zupft nur vorsichtig an, so hellt sich der Klang auf und die Zerre verschwindet. Donnert man jedoch etwas gröber in die Saiten, so ist der Matsch der Sumpfbar wieder da. Der Tubescreamer führt uns direkt ins heilige Territorium der Gitarristen. Und nicht nur das. Er spendiert sogar einen Direktflug vom Transistorverstärker in das sagenumwobene Land. Und das ist einfach genial.

Zusammengefasst bleibt zu sagen, dass der TS-808 zwar äußerlich punkten kann, jedoch verrichten beide Pedale – zumindest vor einem Transistorverstärker – die gleiche Arbeit. Ein derart deutlicher Preisunterschied ist mit diesem Test nicht gerechtfertigt. Spannend bleibt abzuwarten, ob sich am Röhrenverstärker dann Unterschiede offenbaren. 

Sollte ich dich vom Tubescreamer überzeugt haben, so kannst du dir den TS-808 und den TS-9 hier bei Thomann.de ansehen.